ESG

Die neue Partnerschaft von ISO und GHG Protocol und ihre Bedeutung für Unternehmen

19. Jan. 2026

Am 9. September 2025 haben die International Organization for Standardization (ISO) und das GHG Protocol offiziell ihre neue strategische Partnerschaft bekannt gegeben. Ziel dieser Zusammenarbeit ist es, künftig gemeinsame und harmonisierte Standards für das Treibhausgas-Reporting zu entwickeln und damit eines der größten Probleme im ESG- und Klimareporting anzugehen: die Fragmentierung von Regelwerken, Methoden und Begrifflichkeiten.

Für Unternehmen ist diese Ankündigung von hoher Relevanz. Sie betrifft nicht nur die Berechnung und Berichterstattung von Emissionen, sondern auch Compliance, Auditfähigkeit, Datenprozesse und langfristige Investitionsentscheidungen.

Die folgenden Ausführungen geben einen strukturierten Überblick über die Kooperation, erläutern die wichtigsten Hintergründe und Ziele und zeigen, welche Auswirkungen für Unternehmen besonders relevant sind.


 

Ausgangslage: Warum diese Partnerschaft notwendig ist


In den vergangenen Jahren hat sich das THG-Reporting rasant weiterentwickelt. Gleichzeitig ist die Landschaft der Standards zunehmend komplex geworden:

  • Das GHG Protocol gilt weltweit als De-facto-Standard für die Bilanzierung von Scope 1, 2 und 3 Emissionen und bildet die methodische Grundlage vieler regulatorischer und freiwilliger Berichtsanforderungen
  • Die ISO veröffentlicht mit der ISO-14000-Familie international anerkannte, zertifizierbare Normen, z. B. für Carbon Footprints, Verifizierungen und Managementsysteme
  • Regulatorische Anforderungen wie CSRD, SEC-Klimaregeln, ISSB oder nationale Gesetze greifen diese Standards auf, interpretieren sie jedoch teils unterschiedlich oder ergänzen sie um eigene Logiken

Das Ergebnis ist eine methodisch fragmentierte Berichtslandschaft. Viele Unternehmen erfassen und berichten inhaltlich vergleichbare Emissionen, jedoch auf Basis abweichender Definitionen, Systemgrenzen und Berechnungsansätze. Das führt zu erhöhtem Abstimmungsaufwand, eingeschränkter Vergleichbarkeit, Unsicherheiten in Prüfungen und einem steigenden Risiko inkonsistenter ESG-Aussagen.

Genau an diesem Punkt setzt die Partnerschaft zwischen ISO und GHG Protocol an. Sie reagiert auf den wachsenden Bedarf an Kohärenz, Klarheit und global anschlussfähigen Grundlagen in der THG-Bilanzierung und schafft damit die Voraussetzungen für belastbare, vergleichbare und langfristig stabile Emissionsdaten in einem zunehmend regulierten Umfeld.


 

Ziel der Partnerschaft: Harmonisierung statt Parallelwelten

ISO und GHG Protocol verfolgen mit ihrer Partnerschaft ein klares gemeinsames Ziel: Ein global abgestimmtes, konsistentes und anschlussfähiges Fundament für das Treibhausgas-Reporting. Im Mittelpunkt steht dabei die Überwindung bestehender Parallelwelten in Methodik, Begrifflichkeit und Anwendungspraxis.

 

Was bedeutet die Harmonisierung konkret?

  • Abstimmung der Methodenlogik, etwa bei Systemgrenzen, Emissionsfaktoren, Berechnungsansätzen und der Abbildung von Scope-1-, Scope-2- und Scope-3-Emissionen
  • Reduktion von Doppelarbeit durch konsistentere Grundlagen für Berechnung, Dokumentation und Berichterstattung
  • Verbesserte Vergleichbarkeit von Emissionsdaten über Unternehmen, Branchen und Regionen hinweg
  • Erhöhte Audit- und Rechtssicherheit durch klarere, besser aufeinander abgestimmte Anforderungen
  • Stärkere Anschlussfähigkeit an regulatorische ESG-Vorgaben, die zunehmend auf international anerkannten Standards aufbauen

 

Welche Bereiche umfasst die Harmonisierung?

Die Harmonisierung bezieht sich dabei nicht nur auf die unternehmensbezogene Emissionsbilanzierung. Die Partnerschaft umfasst mehrere Ebenen des Carbon Accounting, darunter die Bilanzierung auf Unternehmens-, Produkt- und Projektebene sowie die Verifizierung von Emissionsdaten.

Dazu zählen unter anderem die ISO-1406x-Reihe (Corporate, Product Carbon Footprint, Project Accounting und Verification), der GHG Protocol Corporate Standard einschließlich Scope-2-Guidance und Scope-3-Standard sowie die Weiterentwicklung eines gemeinsamen Product-Carbon-Footprint-Standards. Damit rückt erstmals auch die produktbezogene Emissionsbilanzierung stärker in den Fokus der Harmonisierung; ein Bereich, der insbesondere für Lieferkettenmanagement, die CBAM-Umsetzung und Dekarbonisierungsstrategien in Europa an Bedeutung gewinnt.

Darüber hinaus zielt die Partnerschaft nicht nur auf eine Annäherung bestehender Regelwerke, sondern auch auf die Entwicklung neuer, gemeinsam gebrandeter („co-branded“) Standards. Diese sollen die methodische Logik des GHG Protocol mit der formalen Struktur und Verifizierbarkeit der ISO-Normen verbinden und künftig als einheitliche Referenz dienen. Langfristig soll so ein gemeinsamer Referenzrahmen für das Emissionsmanagement entstehen, der sowohl den praktischen Anforderungen der Unternehmensberichterstattung als auch den formalen Erwartungen von Regulatoren, Prüfern und Kapitalmärkten gerecht wird.


 

ISO vs. GHG Protocol: ein strukturierter Vergleich


Um die Bedeutung der Partnerschaft besser einordnen zu können, lohnt sich ein Blick auf die unterschiedlichen Rollen und Schwerpunkte von ISO und GHG Protocol. Beide haben sich in den vergangenen Jahren als zentrale Referenzen im Treibhausgas-Reporting etabliert, verfolgen jedoch unterschiedliche Ansätze und Zielsetzungen. Die Kooperation zielt nicht auf die Ablösung bestehender Standards, sondern auf eine enge Verzahnung der jeweiligen Stärken. Der folgende Vergleich zeigt, wie sich die beiden Rahmenwerke bislang ergänzt haben.

Aspekt

ISO (z. B. ISO 14064 / 14067)

GHG Protocol

Primärer Zweck

Sicherstellung konsistenter, prüfbarer THG-Quantifizierung nach formalen Regeln

Einheitliche Strukturierung und Vergleichbarkeit von Emissionsinventaren

Entstehungslogik

Normungsgetrieben, konsensbasiert zwischen Staaten, Industrie und Prüforganisationen

Praxis- und marktgetrieben, entwickelt mit Unternehmen, NGOs und Investoren

Regelungstiefe

Hohe Detailtiefe bei Anforderungen, Nachweisen und Prüfprozessen

Hohe Detailtiefe bei Klassifizierung, Abgrenzung und Kategorisierung von Emissionen

Scope-Abdeckung

Abbildung von Scope 1–3 über Systemgrenzen und Emissionsquellen; weniger granular in der Kategorisierung

Klare Strukturierung von Scope 1, 2 und 3 inkl. detaillierter Scope-3-Kategorien

Umgang mit Scope 2

Methodisch abgebildet über Emissionsfaktoren und Systemgrenzen

Explizite Unterscheidung zwischen market-based und location-based Ansatz

Scope-3-Detailtiefe

Grundsätzliche Abdeckung, jedoch mit größerem methodischem Spielraum

Sehr hohe Detailtiefe mit 15 definierten Kategorien und spezifischer Guidance

Flexibilität in der Anwendung

Geringere Interpretationsspielräume durch normative Vorgaben

Höhere Flexibilität durch Prinzipien und Leitlinien

Umgang mit Unsicherheiten

Formale Anforderungen an Unsicherheitsbewertung und Dokumentation

Prinzipienbasierter Umgang mit Datenlücken und Schätzungen

Rolle in Prüfungen

Häufig direkte Prüfundlage (Assurance, Zertifizierung)

Häufig inhaltliche Basis, ergänzt durch ISO-nahe Prüfstandards

Verankerung in Software & Tools

Weniger direkt abgebildet, stärker prozess- und auditgetrieben

Stark in ESG- und Carbon-Software implementiert

Typischer Mehrwert

Rechtssicherheit, Nachvollziehbarkeit, formale Belastbarkeit

Vergleichbarkeit, Managementsteuerung, Skalierbarkeit

Grenzen bisher

Weniger guidance-lastig für komplexe Lieferketten

Weniger formale Klarheit für Prüfdesigns


 

Bedeutung für CSRD, Prüfungen und Investoren


Die angestrebte Harmonisierung der ISO-Standards und GHG-Protocol-Standards ist insbesondere im regulatorischen und prüfungsnahen Umfeld von hoher Relevanz. Sie wirkt dort als verbindendes Element zwischen methodischer Emissionsbilanzierung, formalen Prüfanforderungen und kapitalmarktorientierter Berichterstattung.

Besonders relevant ist dies im Kontext von:

  • CSRD & ESRS: Konsistente Emissionsdaten können über verschiedene Berichtsformate hinweg genutzt werden, ohne methodische Brüche oder Mehrfachaufbereitungen.
  • Auditfähigkeit: Klar abgestimmte Definitionen und Berechnungslogiken erleichtern die Nachvollziehbarkeit und Prüfung von Emissionsdaten.
  • Investoren & Banken: Vergleichbare Emissionskennzahlen gewinnen weiter an Bedeutung für Bewertungen, Ratings und Finanzierungsentscheidungen.
  • Lieferketten & Scope 3: Harmonisierte Ansätze reduzieren methodische Inkonsistenzen bei der Erhebung und Weitergabe von Emissionsdaten entlang der Wertschöpfungskette.

Für international tätige Unternehmen bedeutet dies insgesamt eine spürbare Entlastung. Das Risiko, regionale oder regulatorische Anforderungen mehrfach, unterschiedlich oder widersprüchlich erfüllen zu müssen, wird langfristig reduziert.


 

Was ändert sich konkret für Unternehmen?


Die Auswirkungen der Partnerschaft werden sich nicht von heute auf morgen vollständig entfalten. Vielmehr ist von einer schrittweisen Entwicklung auszugehen, deren Effekte sich kurz-, mittel- und langfristig unterschiedlich bemerkbar machen. Die folgenden Punkte geben einen Überblick über die wichtigsten Veränderungen aus Unternehmenssicht.

Kurzfristig

  • Keine sofortige Umstellungspflicht
  • Bestehende GHG-Protokoll-Bilanzen behalten ihre Gültigkeit
  • ISO-Normen bleiben weiterhin anwendbar

Mittelfristig

  • Annäherung der Begriffe, Definitionen und Rechenlogiken
  • Weniger Interpretationsspielräume bei Scope-3-Kategorien
  • Klarere Anforderungen an Datenqualität und Dokumentation

Langfristig

  • Einheitliche Basis für regulatorisches Reporting
  • Vereinfachte Prüfungen und Audits
  • Stabilere Investitions- und Transformationsentscheidungen


 

5 Schritte, mit denen Unternehmen sich jetzt vorbereiten sollten


Auch wenn die neuen, harmonisierten Standards für die Klimaberichterstattung noch in Entwicklung sind, können Unternehmen bereits heute wichtige Weichen stellen. Die folgenden fünf Schritte helfen dabei, die eigene THG-Bilanzierung zukunftsfähig, konsistent und anschlussfähig aufzustellen.

  1. Bestehende Emissionsmethodik überprüfen: Die aktuelle Methodik sollte auf Konsistenz, vollständige Dokumentation und Nachvollziehbarkeit geprüft werden, insbesondere hinsichtlich Systemgrenzen, Annahmen und verwendeter Emissionsfaktoren.
  2. GHG-Protocol-konforme Datenstrukturen sicherstellen: Eine klare Abbildung von Scope 1, 2 und 3 sowie eine saubere Zuordnung der Emissionsquellen bilden die Grundlage für Vergleichbarkeit und zukünftige Harmonisierung.
  3. ISO-Nähe in Prozessen berücksichtigen: Prozesse sollten so gestaltet sein, dass sie audit- und verifizierungsfähig sind, etwa durch klare Verantwortlichkeiten, belastbare Nachweise und nachvollziehbare Prüfpfade.
  4. Flexible Systeme und Software einsetzen: Eingesetzte Tools sollten methodische Anpassungen, neue Definitionen und zukünftige Standardänderungen ohne grundlegende Systembrüche abbilden können. 

    Tipp: Mit der Envoria Software lassen sich Product Carbon Footprints bereits heute auf Basis etablierter GHG-Protocol- und ISO-naher Methodiken ermitteln. Das Tool wird auch die Abbildung des geplanten co-branded Standards von ISO und GHG Protocol unterstützen.

  5. Standardentwicklungen aktiv beobachten: Die Partnerschaft wird schrittweise konkretisiert. Eine kontinuierliche Beobachtung neuer Leitlinien, Pilotstandards und Konsultationen ermöglicht eine frühzeitige Anpassung der eigenen Reporting-Strategie.

 


Ausblick: Wichtige Meilensteine der neuen Partnerschaft


Die strategische Partnerschaft zwischen ISO und GHG Protocol markiert einen Wendepunkt in der globalen Emissionsberichterstattung. Für Unternehmen bedeutet sie mehr Klarheit, höhere Vergleichbarkeit und langfristig weniger Komplexität, vorausgesetzt, die eigenen Prozesse sind sauber aufgesetzt.

  • Herbst 2025: Start der gemeinsamen Arbeitsstrukturen und der Joint Working Groups zur Harmonisierung der bestehenden Standards.
  • 2026:
    • Erste Entwürfe und Konsultationen für gemeinsam entwickelte („co-branded“) Standards, insbesondere im Bereich Product Carbon Footprint (PCF).
    • Einbindung von ISO-Expert:innen in laufende Überarbeitungen zentraler GHG-Protokoll-Standards (u. a. Corporate, Scope 2, Scope 3).
    • Erwarteter öffentlicher Konsultationsentwurf zur nächsten Version des GHG Protocol Corporate Standard (Mitte 2026).
  • 2027: Schrittweise Finalisierung der ersten harmonisierten Standards und Integration in regulatorische und prüfungsnahe Kontexte.