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23. Mär. 2026
Die geplanten Änderungen an den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) sorgen derzeit in vielen Unternehmen für Unsicherheit. Während in der öffentlichen Diskussion häufig von einer deutlichen Vereinfachung gesprochen wird, zeigt sich bei genauerer Betrachtung ein differenzierteres Bild. Zwar enthalten die aktuellen Entwürfe weniger einzelne Disclosure Requirements, gleichzeitig wurden jedoch zahlreiche Inhalte neu strukturiert, zusammengeführt oder in andere Teile der Standards verlagert.
Für Unternehmen, die bereits mit der Umsetzung der ESRS begonnen haben, entsteht daraus eine neue Herausforderung. Statt eines einfachen Wegfalls von Anforderungen geht es häufig um Migration, Neuinterpretation und Anpassung bestehender Reporting-Strukturen. Besonders betroffen sind Organisationen, die ihre Prozesse bereits aufgebaut haben und nun entscheiden müssen, wie sie mit den geplanten Änderungen umgehen.
Wir haben mit Julian Göbel, unserem Envoria Chief Sustainability Officer & Managing Director, darüber gesprochen, warum die angekündigte Vereinfachung in der Praxis nicht automatisch weniger Aufwand bedeutet, wo aktuell die größten Unsicherheiten liegen und warum viele Unternehmen trotz möglicher Erleichterungen weiterhin stark am ESRS-Rahmen festhalten.
Julian, aktuell hört man oft, dass die neuen ESRS deutlich weniger Datenpunkte enthalten sollen. Bedeutet das wirklich weniger Aufwand für Unternehmen?
Die Zahl von rund 60 % weniger Datenpunkten klingt zunächst nach einer deutlichen Entlastung. Genau so wird es aktuell auch oft dargestellt. In der Praxis kann dieser Eindruck aber schnell zu einem Trugschluss werden. Wenn man sich die Entwürfe im Detail ansieht, zeigt sich, dass viele Anforderungen nicht einfach weggefallen sind, sondern verschoben, zusammengeführt oder anders strukturiert wurden.
In diesem Sinne wirkt die Diskussion über „60 % weniger Datenpunkte“ fast wie eine Mogelpackung. Die Zahl stimmt auf dem Papier, sagt aber wenig darüber aus, wie viel Arbeit tatsächlich im Unternehmen entsteht. Die Struktur der Standards hat sich deutlich verändert, und genau daraus ergibt sich zusätzlicher Aufwand. Unternehmen müssen bestehende Reporting-Strukturen nicht nur verkleinern, sondern in vielen Fällen komplett neu zuordnen.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Zusammenführung vieler Angaben in ESRS 2. Themen wie Policies, Maßnahmen, Ziele oder Kennzahlen wurden aus den einzelnen Umwelt-, Sozial- und Governance-Standards herausgelöst und als allgemeine Disclosure Requirements zentralisiert. Dadurch sinkt zwar die Zahl der einzelnen Datenpunkte innerhalb der Themenstandards, die inhaltlichen Anforderungen bleiben jedoch bestehen. Für die Praxis bedeutet das, dass vorhandene Informationen weiterhin benötigt werden, nur an anderer Stelle. Teilweise sind dafür wiederum neue Reporting-Strukturen zu schaffen oder bestehende anzupassen.
Wo entsteht in der Praxis der größte Mehraufwand durch die neuen Entwürfe?
Der größte Aufwand entsteht aktuell bei der Migration. Unternehmen, die bereits mit den ESRS von 2023 gearbeitet haben, können ihre bestehenden Strukturen nicht einfach weiterverwenden. Nummerierungen haben sich geändert, Inhalte wurden zusammengelegt, und einzelne Anforderungen sind weniger konkret formuliert als zuvor. Dadurch wird die Zuordnung schwieriger.
Gerade hier zeigt sich, warum die oft genannten „60 % weniger Datenpunkte“ nicht automatisch weniger Aufwand bedeuten. Wenn Anforderungen zusammengelegt oder in andere Standards verschoben werden, müssen bestehende Daten neu zugeordnet, neu dokumentiert und teilweise neu bewertet werden.
Hinzu kommt, dass auch scheinbar gestrichene Anforderungen häufig weiterhin existieren, nur in anderer Form. Ein Beispiel sind die Angaben zu finanziellen Auswirkungen. In den ursprünglichen Standards gab es dafür eigene Disclosure Requirements in mehreren Themenbereichen. In den neuen Entwürfen wurden diese Angaben in ESRS 2 zusammengeführt. Inhaltlich bleibt die Erwartung bestehen, aber sie ist nicht mehr an derselben Stelle geregelt. Für Unternehmen bedeutet das zusätzliche Arbeit, weil Daten neu strukturiert und neu dokumentiert werden müssen.
Haben sich durch die neuen Entwürfe auch grundlegende Konzepte der Berichterstattung verändert?
Ja, und das wird oft unterschätzt. Die neuen Entwürfe orientieren sich stärker an der Logik der Finanzberichterstattung. Begriffe wie „Fair Presentation“ oder die stärkere Orientierung an der finanziellen Kontrolle zeigen, dass die ESRS näher an IFRS- und ISSB-Standards heranrücken.
Das verbessert zwar langfristig die Vergleichbarkeit, führt kurzfristig aber dazu, dass bestehende Abgrenzungen überprüft werden müssen. Wenn sich zum Beispiel die Berichtsgrenze stärker an der finanziellen Kontrolle orientiert, kann das Auswirkungen auf die Datenerhebung haben, etwa bei Beteiligungen oder in der Wertschöpfungskette. Für viele Unternehmen bedeutet das zusätzliche Anpassungen, obwohl die Anzahl der Datenpunkte formal reduziert wurde.
Welche Rolle spielt die Wesentlichkeitsanalyse in den neuen ESRS-Entwürfen?
Die Wesentlichkeitsanalyse wird flexibler, aber dadurch nicht unbedingt einfacher. In den ursprünglichen Standards war die Prüfung sehr stark strukturiert und teilweise sehr detailliert vorgegeben. Die neuen Entwürfe lassen mehr Spielraum, zum Beispiel indem Bewertungen stärker auf Themenebene erfolgen können.
Das kann den Aufwand reduzieren, verlagert aber gleichzeitig Verantwortung auf das Unternehmen. Es muss selbst begründen, warum ein Thema als wesentlich gilt oder nicht. Gerade bei freiwilliger Berichterstattung oder bei Unternehmen außerhalb der direkten Berichtspflicht wird das wichtiger. Dann geht es nicht mehr nur darum, alle Datenpunkte abzudecken, sondern darum, zu entscheiden, welche Informationen für Banken, Kunden oder die eigene Steuerung tatsächlich relevant sind.
Gibt es deiner Meinung nach Themenbereiche, die trotz Vereinfachung weiterhin besonders aufwendig bleiben?
Ja, und das sieht man sehr deutlich, wenn man die einzelnen Standards vergleicht. Beim Klimathema sind viele Unternehmen inzwischen relativ weit, weil hier seit Jahren mit etablierten Methoden gearbeitet wird. In anderen Bereichen ist das deutlich schwieriger.
Im Umweltbereich wurden zwar Datenpunkte reduziert, etwa bei Schadstoffen oder Wasserkennzahlen, aber die inhaltlichen Anforderungen bleiben. Werte müssen weiterhin erhoben, bewertet und dokumentiert werden, nur teilweise in zusammengefasster Form. Auch beim Wasserstandard wurden mehrere Kennzahlen konsolidiert, ohne dass die zugrunde liegenden Informationen wegfallen. Darüber hinaus wird klargestellt, dass eine Resilienzanalyse zwingend erfolgen muss.
Besonders komplex bleibt der Biodiversitäts-Standard. Schon die ursprüngliche Version galt als sehr aufwendig, und auch in den vereinfachten Entwürfen wird er nur teilweise reduziert. Anforderungen werden flexibler formuliert, bleiben aber fachlich anspruchsvoll. Für viele Unternehmen wird dieser Bereich weiterhin zu den größten Herausforderungen gehören.
Was bedeutet das für Unternehmen, die bereits mit der Umsetzung begonnen haben?
Für diese Unternehmen ist die Situation aktuell besonders schwierig. Sie haben bereits Prozesse aufgebaut, Daten gesammelt und Strukturen definiert. Jetzt müssen sie entscheiden, ob sie diese Strukturen anpassen, parallel weiterführen oder auf die finalen Standards warten.
Ein zusätzliches Problem ist, dass es bisher keine offizielle detaillierte Migrationsanleitung von der EFRAG gibt. Die Entwürfe zeigen, wie die neuen Standards aussehen sollen, aber nicht, wie bestehende ESRS-2023-Reports in die neue Systematik überführt werden. Das bedeutet, dass Unternehmen selbst entscheiden müssen, wie sie Datenpunkte zusammenführen und wie sie ihre Dokumentation anpassen.
Gerade deshalb kann die Umstellung auf die vereinfachten ESRS in der Praxis mehr Aufwand verursachen als der ursprüngliche Aufbau.
Wie geht Envoria mit dieser Situation um, gerade mit Blick auf die CSRD-Software?
Wir sehen aktuell bei vielen Unternehmen, dass sie sich in einer Übergangsphase befinden. Einige arbeiten bereits mit den bestehenden ESRS, während viele Unternehmen auf die finalen vereinfachten Standards warten. In unserer CSRD-Software behalten wir die bisherigen ESRS vollständig bei und bilden gleichzeitig die neuen Entwürfe ab. Wir fahren bei Envoria also zwei parallele Stränge. Envoria Kunden können damit flexibel mit den verschiedenen ESRS-Standards arbeiten.
Zusätzlich planen wir eine optionale Migrationsfunktion, die bei der Überleitung helfen kann. Dabei geht es vor allem um ein Mapping der Datenpunkte, die innerhalb des ESRS-Standards verschoben wurden. Bei Datenpunkten, die zusammengeführt oder neu strukturiert wurden, kann unsere Migrationsfunktion auch zukünftig nur bedingt Abhilfe schaffen. Dort braucht es weiterhin eine inhaltliche Entscheidung im Unternehmen.
Werden deiner Ansicht nach Unternehmen die ESRS trotzdem weiter nutzen, auch wenn sie nicht mehr verpflichtet sind?
Das sehen wir bereits jetzt. Viele Unternehmen orientieren sich weiterhin an den ESRS, selbst wenn sie formal nicht mehr berichten müssten. Gründe dafür sind Anforderungen von Banken, Investoren oder Kunden, aber auch interne Steuerungsbedarfe.
Nachhaltigkeitsdaten werden zunehmend für Finanzierung, Lieferketten oder strategische Entscheidungen genutzt. In solchen Fällen reicht ein stark vereinfachter Standard wie der VSME oft nicht aus. Gleichzeitig warten viele Unternehmen auf die endgültige Fassung der neuen ESRS, bevor sie ihre Reporting-Struktur festlegen.
Das führt dazu, dass aktuell oft mit mehreren Szenarien gleichzeitig gearbeitet wird. Unternehmen halten bestehende Strukturen aufrecht, bereiten sich auf neue Anforderungen vor und versuchen gleichzeitig, flexibel zu bleiben.
Und zum Abschluss, Julian, wie würdest Du die aktuelle Situation zusammenfassen?
Die Vereinfachung der ESRS ist keine reine Reduktion, sondern vor allem eine Neuordnung. Die Zahl der Datenpunkte sinkt, aber die Anforderungen werden stärker zusammengefasst, verallgemeinert und in übergeordnete Strukturen verschoben.
Dadurch entsteht weniger Detailvorgabe im Standard, aber mehr Interpretationsaufwand im Unternehmen. Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb nicht darin, weniger zu berichten, sondern darin, mit mehr Unsicherheit und mehr Strukturarbeit umzugehen.
Wenn man es zugespitzt formulieren möchte, ist die Diskussion über „60 % weniger Datenpunkte“ deshalb teilweise eine Mogelpackung. Auf dem Papier wird es weniger, in der Umsetzung wird es für viele Unternehmen zunächst sogar komplexer.
Weniger Datenpunkte bedeuten in diesem Fall nicht automatisch weniger Aufwand, oft bedeuten sie vor allem mehr Migration.
Vielen Dank für deine Einschätzungen und Einblicke!
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