Am 11. Juni 2026 hat die Science Based Targets initiative (SBTi) den finalen Corporate Net-Zero Standard V2.0 veröffentlicht. Die neue Version verändert nicht nur einzelne Anforderungen an Klimaziele. Der Fokus verschiebt sich deutlich: von der Festlegung wissenschaftsbasierter Ziele hin zu deren Umsetzung, Steuerung und regelmäßiger Überprüfung. Mehr als 11.000 Unternehmen haben inzwischen Science Based Targets gesetzt.
Für Unternehmen stellt sich deshalb vor allem eine Frage: Was ändert sich konkret und was ist bereits jetzt zu tun?
Was ist die SBTi?
Die Science Based Targets initiative (SBTi) entwickelt Standards, Methoden und Leitlinien, mit denen Unternehmen wissenschaftsbasierte Klimaziele festlegen können. Ziel ist es, die unternehmerische Emissionsreduktion mit einem globalen Net-Zero-Pfad bis spätestens 2050 und einer Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 °C in Einklang zu bringen.
Der Corporate Net-Zero Standard legt dafür Anforderungen für Scope-1-, Scope-2- und Scope-3-Emissionen sowie für die langfristige Dekarbonisierung fest.
Wann gilt der SBTi Corporate Net-Zero Standard V2.0?
Unternehmen müssen nicht sofort auf die V2.0 umstellen.
- 2026 bleibt V1.3.1 der maßgebliche Standard für die Validierung neuer Ziele.
- Ab Q1 2027 können Unternehmen zwischen V1.3.1 und V2.0 wählen.
- Ab dem 1. Februar 2028 müssen neue Target Submissions dem Corporate Net-Zero Standard V2.0 entsprechen.
Bereits validierte Near-Term Targets bleiben grundsätzlich bis zum Ende ihres Zielzeitraums gültig.
Wer beispielsweise bereits Ziele bis 2030 verfolgt, sollte V2.0 trotzdem frühzeitig berücksichtigen. Die SBTi empfiehlt Unternehmen mit 2030-Zielen, ab 2028 mit der Vorbereitung des nächsten Zielzyklus 2030–2035 auf Basis von V2.0 zu beginnen.
Die wichtigsten Änderungen durch SBTi V2.0
Neue Kategorien für Unternehmen
V2.0 ersetzt den bisherigen separaten SME-Ansatz durch die Kategorien A und B. Welche Anforderungen gelten, hängt künftig stärker von Unternehmensgröße und Standort ab.
Kategorie A umfasst grundsätzlich große Unternehmen weltweit sowie mittelgroße Unternehmen in Ländern mit hohem Einkommen. Dazu zählen beispielsweise Unternehmen mit mindestens 450 Millionen Euro Nettoumsatz oder 1.000 Vollzeitäquivalenten. In Ländern mit hohem Einkommen greift Kategorie A außerdem bei mindestens 10.000 tCO₂e Scope-1- und Scope-2-Emissionen oder wenn mindestens zwei Schwellenwerte von 25 Millionen Euro Bilanzsumme, 50 Millionen Euro Nettoumsatz und 250 Vollzeitäquivalenten erreicht werden. Alle übrigen Unternehmen fallen in Kategorie B.
Die Unterscheidung ist relevant, weil für Kategorie A zusätzliche Anforderungen gelten. Dazu zählen unter anderem verpflichtende Scope-3-Ziele, die Offenlegung des Transitionsplans sowie eine Limited Assurance der Basisjahresemissionen.
Klimaziele werden in 5-Jahres-Zyklen gesteuert
Near-Term Targets werden unter V2.0 in fünfjährigen Zielzyklen festgelegt. Statt ein historisches Basisjahr langfristig fortzuführen, basiert jeder neue Zyklus auf aktuellen Emissionsdaten. Damit wird regelmäßig überprüft, wo das Unternehmen tatsächlich steht und welcher Reduktionspfad für den nächsten Zeitraum erforderlich ist.
Auch Scope 1, 2 und 3 werden differenzierter behandelt. Für Scope 1 und Scope 2 sind separate Near-Term Targets vorgesehen, die jeweils 100 % der entsprechenden Emissionen abdecken. Für Scope 3 können Unternehmen sich stärker auf die wesentlichen Emissionsquellen ihrer Wertschöpfungskette fokussieren. Kategorie-A-Unternehmen können unter anderem einzelne Scope-3-Kategorien ausschließen, sofern diese jeweils weniger als 5 % der gesamten Scope-3-Emissionen ausmachen und die Voraussetzungen des Standards erfüllt sind.
Gleichzeitig stehen mehr Methoden zur Verfügung. Neben absoluten Emissionsreduktionen berücksichtigt V2.0 beispielsweise sektorspezifische Intensitätsziele, Asset-Transition-Ansätze, Low-Carbon Electricity sowie Supplier- und Customer-Alignment für Scope 3. Der Reduktionspfad soll damit stärker zu den tatsächlichen Dekarbonisierungshebeln eines Unternehmens passen.
Vom Klimaziel zum Transitionsplan
Eine der wichtigsten Änderungen betrifft die Umsetzung. Unternehmen müssen einen Transitionsplan entwickeln, der zentrale Maßnahmen, Abhängigkeiten und den Weg zur Zielerreichung beschreibt. Klimaziele müssen außerdem auf höchster Governance-Ebene bestätigt und organisatorisch verankert werden. Kategorie-A-Unternehmen müssen ihren Transitionsplan veröffentlichen.
Hinzu kommt eine regelmäßige Fortschrittsbewertung. Unternehmen berichten jährlich und werden am Ende eines Zielzyklus hinsichtlich ihres Fortschritts bewertet.
V2.0 verfolgt dabei einen sogenannten Best-Efforts-Ansatz: Abweichungen vom Ziel führen nicht automatisch zum Ausschluss aus dem SBTi-System. Unternehmen müssen aber zeigen, welche Hebel sie eingesetzt haben, welche Hindernisse bestanden und wie diese adressiert werden. Höhere Restemissionen führen zudem zu entsprechend ambitionierteren Anforderungen im nächsten Zielzyklus.
Damit wird die Qualität der zugrunde liegenden Emissionsdaten noch wichtiger.
Emissionsdaten und SBTi-Ziele zentral steuern
Das Emissionsmanagement von Envoria verbindet Carbon Accounting mit Reduktionsplanung und Fortschrittskontrolle. Unternehmen können Scope-1-, Scope-2- und Scope-3-Emissionen erfassen, SBTi-basierte Reduktionspfade definieren und die Entwicklung über mehrere Berichtsjahre verfolgen. Die im Webinar vorgestellte Lösung deckt dabei den Prozess von der Emissionsberechnung über Reduktionspfade bis zur Kompensation ab.
Neu im Fokus: Ongoing Emissions Responsibility und Carbon Removals
Besonders relevant ist der neue Umgang mit Emissionen, die während der Transformation weiterhin entstehen. Mit der Ongoing Emissions Responsibility (OER) führt SBTi einen eigenen Rahmen für Klimabeiträge außerhalb der eigentlichen Zielerreichung ein.
Wichtig ist die Abgrenzung: Solche Beiträge ersetzen keine Emissionsreduktion innerhalb von Scope 1–3. Sie werden separat bilanziert und ergänzen den eigenen Dekarbonisierungspfad. Bis 2035 ist die Teilnahme am OER Recognition Program freiwillig. Unternehmen können dabei die Stufen Engaged, Advanced oder Leadership erreichen.
Ab 2035 soll die Verantwortung für laufende Emissionen für Kategorie-A-Unternehmen schrittweise verpflichtend werden. Nach dem heute veröffentlichten V2.0-Kriterium beginnt die erforderliche Unterstützung geeigneter Carbon Removals bei 1 % der laufenden Scope-1-, Scope-2- und Scope-3-Emissionen im Jahr 2035 und steigt linear bis auf 100 % im Net-Zero-Jahr, spätestens 2050. Gleichzeitig soll der Anteil langlebiger Removals steigen.
Dabei gibt es eine wichtige Einschränkung: Die SBTi bezeichnet diese Anforderungen für die Zeit nach 2035 ausdrücklich als vorausschauende beziehungsweise illustrative Anforderungen. Sie sollen im Rahmen einer späteren Version 3 anhand des dann aktuellen wissenschaftlichen Stands erneut geprüft werden.
Spätestens beim Erreichen von Net Zero bleibt die Grundregel jedoch eindeutig: Verbleibende Residualemissionen müssen vollständig durch geeignete Carbon Removals neutralisiert werden.
Carbon Credits zentral verwalten
Mit dem Kompensationsbereich von Envoria können Unternehmen ihre berechneten Emissionen und Carbon Credits innerhalb derselben Plattform verwalten. Verifizierte Carbon Credits können über den Partner Senken erworben werden; Projekt- und Zertifikatsdaten werden anschließend wieder in Envoria übernommen. Auch extern erworbene Credits lassen sich inklusive Projektdetails und Zertifikaten dokumentieren.
Damit lassen sich Emissionen, Reduktionsfortschritt und zusätzliche Klimabeiträge über mehrere Jahre gemeinsam nachvollziehen. Ob ein konkreter Carbon Credit für eine bestimmte SBTi-Anforderung oder OER-Anerkennung geeignet ist, richtet sich dabei weiterhin nach den jeweiligen SBTi-Integritätskriterien.
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Was Unternehmen jetzt vorbereiten sollten
Für Unternehmen besteht 2026 noch kein Anlass, bestehende SBTi-Ziele vorschnell neu aufzusetzen. Sinnvoll ist aber, die Voraussetzungen für V2.0 bereits jetzt zu schaffen: eine belastbare Scope-1-3-Datenbasis, die eigene Einordnung in Kategorie A oder B, klar definierte Verantwortlichkeiten und ein Transitionsplan, der Ziele mit konkreten Maßnahmen verbindet.
Gerade die fünfjährigen Zielzyklen, die stärkere Scope-3-Steuerung und die zukünftige Rolle von Carbon Removals machen aus SBTi mehr als eine einmalige Zielvalidierung. Unternehmen müssen ihre Dekarbonisierung künftig kontinuierlicher planen, messen und nachsteuern. Das ist die zentrale Veränderung des Corporate Net-Zero Standard V2.0.