ESG Reporting

Ihr Leitfaden für die doppelte Wesentlichkeitsanalyse nach ESRS

2. Okt. 2023

Die Umsetzung der ersten einheitlichen europäischen rechtsverbindlichen Standards für die ESG Berichterstattung – die European Sustainability Reporting Standards (ESRS) – wird immer konkreter. Nach der Verabschiedung durch die EU Kommission am 31. Juli 2023 hat die EFRAG nun am 23. August 2023 eine ausführliche "Draft Implementation Guidance on ESRS Materiality Assessment" veröffentlicht. Der Leitfaden soll Unternehmen bei der Durchführung ihrer Wesentlichkeitsanalyse unterstützen.

Um die Anforderungen der ESRS zu erfüllen, müssen Unternehmen eine doppelte Wesentlichkeitsanalyse durchführen, um den Umfang und den Inhalt ihrer ESG Datenerhebung und Berichterstattung zu definieren.

In diesem Artikel befassen wir uns eingehend mit der doppelten Wesentlichkeitsanalyse nach ESRS:

  • Warum ist sie wichtig?

  • Wie geht man vor?

  • Und wie wird die Wesentlichkeitsanalyse zu einem Erfolg?


Rückblick: Doppelte Wesentlichkeit in der CSRD


Bevor wir uns näher mit der ESRS Wesentlichkeitsanalyse befassen, wollen wir kurz auf die doppelte Wesentlichkeit eingehen.

Doppelte Wesentlichkeit ist ein von der CSRD eingeführtes Konzept, das bei der Wesentlichkeitsanalyse nach ESRS angewendet werden muss. Es liefert Kriterien für die Bestimmung, ob ein Nachhaltigkeitsthema für eine Organisation und ihre Stakeholder wesentlich ist – und ob es daher in den Nachhaltigkeitsbericht einer Organisation aufgenommen werden muss.

Das Prinzip der doppelten Wesentlichkeit fordert die Unternehmen auf, Nachhaltigkeit aus zwei verschiedenen Perspektiven zu betrachten:

  • "Financial Materiality": umfasst alle externen Nachhaltigkeitsauswirkungen, die sich intern auf die zukünftige Rentabilität des Unternehmens auswirken könnten
  • "Impact Materiality": umfasst alle Auswirkungen der Geschäftstätigkeit des Unternehmens auf seine Stakeholder, einschließlich der Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Umwelt

Ein Nachhaltigkeitsthema erfüllt das Kriterium der doppelten Wesentlichkeit, wenn es entweder aus einer oder aus beiden Perspektiven wesentlich ist.

💡 Erfahren Sie mehr über doppelte Wesentlichkeit in unserem Artikel: Was ist doppelte Wesentlichkeit in der CSRD?


Was ist eine ESRS Wesentlichkeitsanalyse und warum ist sie notwendig?


Die ESRS können in sektorunabhängige und sektorspezifische Standards unterteilt werden. Bei den sektorübergreifenden Standards wird zwischen den allgemeinen sektorübergreifenden Standards und den themenspezifischen sektorübergreifenden Standards unterschieden, die z. B. die Themen Klimawandel, Umweltverschmutzung, biologische Vielfalt, Arbeitskräfte, betroffene Gemeinschaften und Geschäftsverhalten abdecken.

Die Offenlegung gemäß den allgemeinen sektorübergreifenden Standards ist für alle berichtspflichtigen Unternehmen obligatorisch. Ihr Unternehmen ist jedoch nicht verpflichtet, über alle in den themenspezifischen ESRS beschriebenen ESG Themen zu berichten, sondern nur über diejenigen, die für Ihr Unternehmen spezifisch wesentlich sind. Aus diesem Grund muss Ihr Unternehmen eine Wesentlichkeitsanalyse durchführen, um festzustellen, welche Nachhaltigkeitsthemen für Ihr Unternehmen wesentlich sind und welche nicht. Indem Sie sich nur auf die Nachhaltigkeitsthemen konzentrieren, die für Ihr Unternehmen, Ihre Stakeholder und Ihr Umfeld wesentlich sind, wird sichergestellt, dass der Bericht aussagekräftig und prägnant ist.

ESRS Struktur


In diesem Zusammenhang können Nachhaltigkeitsthemen die Dimension eines Themas (z. B. "Eigene Belegschaft", ESRS S1), eines Unterthemas (z. B. "Arbeitsbedingungen") oder eines Unterunterthemas (z. B. "Gesundheit und Sicherheit") haben.

Um die wesentlichen Nachhaltigkeitsthemen zu bestimmen, muss Ihre Organisation ihre wesentlichen Auswirkungen, Risiken und Chancen ("Impacts, Risks, and Opportunities", IRO) ermitteln – und die nicht wesentlichen ausschließen.

  • Wesentliche Auswirkungen = nachhaltigkeitsbezogene (positive oder negative) Auswirkungen, die ein Unternehmen durch seine Geschäftstätigkeit auf seine Umwelt und seine Stakeholder ausübt

  • Wesentliche Risiken und Chancen = Nachhaltigkeitsbezogene finanzielle Risiken und Chancen, die sich aus der Abhängigkeit von natürlichen, menschlichen und sozialen Ressourcen ergeben

ESRS Thema, Unterthema, Unterunterthema


Wichtiger Hinweis: Die Wesentlichkeitsanalyse dient dazu, nicht nur die direkten wesentlichen IROs Ihres Unternehmens selbst zu identifizieren, sondern auch solche, die sich aus direkten und indirekten Geschäftsbeziehungen in der vor- und/oder nachgelagerten Wertschöpfungskette ergeben.


4 Schritte zur Durchführung Ihrer ESRS Wesentlichkeitsanalyse


Die doppelte Wesentlichkeitsanalyse nach ESRS kann in vier Schritte unterteilt werden, wobei die Schritte 1 bis 3 die eigentliche Bewertung und Schritt 4 die Berichterstattung umfassen:

  • Schritt 1: Verstehen Sie den Kontext und legen Sie eine Strategie zur Stakeholder-Einbeziehung fest

  • Schritt 2: Identifizieren Sie eine Liste potenzieller wesentlicher Nachhaltigkeitsthemen und IROs

  • Schritt 3: Bestimmen Sie die endgültige Liste der wesentlichen Nachhaltigkeitsthemen

  • Schritt 4: Berichten Sie über den Prozess und die Ergebnisse der Wesentlichkeitsanalyse

4 Schritte zur ESRS Wesentlichkeitsanalyse


Schritt 1: Verstehen Sie den Kontext und legen Sie eine Strategie zur Stakeholder-Einbeziehung fest


Der erste Schritt besteht in der Analyse der Geschäftsaktivitäten, des Geschäftsmodells, der Geschäftsbeziehungen und der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette Ihres Unternehmens. So erhalten Sie alle relevanten Erkenntnisse, die Sie für die Durchführung der Wesentlichkeitsanalyse benötigen. Die Analyse kann auf folgender Grundlage erfolgen:

  • den Geschäftsplan, die Strategie und die Jahresabschlüsse Ihres Unternehmens

  • Ihre Produkte und Dienstleistungen und der geografische Standort dieser Aktivitäten

  • die Geschäftsbeziehungen Ihres Unternehmens in der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette

  • Medienberichte

  • Analysen von Mitbewerbern und bestehende branchenspezifische Benchmarks

  • Veröffentlichungen über allgemeine Nachhaltigkeitstrends oder wissenschaftliche Forschung

Sie sollten auch den Zeithorizont für Ihre Wesentlichkeitsanalyse festlegen (kurz-, mittel- oder langfristig).

Erarbeiten Sie dann eine Strategie zur Einbindung der Stakeholder, um diese in den Prozess der Wesentlichkeitsanalyse einzubeziehen. Erstellen Sie dazu eine Liste der wichtigsten Stakeholder-Gruppen, die von Ihren vor- und/oder nachgelagerten Tätigkeiten betroffen sind oder betroffen sein könnten. Überlegen Sie anschließend, in welcher genauen Phase der Wesentlichkeitsanalyse Sie Ihre identifizierten Stakeholder einbeziehen wollen. Beispielsweise kann die Einbindung der Stakeholder durch die Validierung der Liste der potenziell wesentlichen Themen erfolgen.


Schritt 2: Identifizieren Sie eine Liste potenzieller wesentlicher Nachhaltigkeitsthemen und IROs


Um eine Liste potenziell wesentlicher Nachhaltigkeitsthemen und zugehöriger IROs zu erstellen, kann Ihr Unternehmen sowohl

(a) auf vorhandenes Wissen zurückgreifen, z. B. auf bestehende Due-Diligence-Prozesse oder auf Rückmeldungen aus bestehenden Stakeholder-Engagement-Prozessen,

und/oder (b) neue Erkenntnisse über wesentliche Nachhaltigkeitsthemen und IROs sammeln.

Um neue Erkenntnisse zu gewinnen, werden in den ESRS zwei mögliche Ansätze genannt:

  1. "Top-down"-Ansatz: Ableitung von IROs aus der Liste potenziell wesentlicher Nachhaltigkeitsthemen durch Bewertung ihrer jeweiligen Auswirkungen (akut oder potenziell, negativ oder positiv), Risiken und Chancen.

  2. "Bottom-up"-Ansatz: Ableitung der Liste potenzieller wesentlicher Nachhaltigkeitsthemen aus den IROs, die auf einer granularen Ebene identifiziert werden, indem diese IROs in Themen oder Unterthemen gruppiert werden.

Mögliche Ausgangspunkte könnten die Liste der von den ESRS abgedeckten Nachhaltigkeitsthemen, das interne Risikomanagementsystem ihres Unternehmens oder die Ergebnisse der Due-Diligence-Prozesse sein.

Das Ergebnis ist eine Liste der potenziell wesentlichen Themen und der zugehörigen IROs. Für diejenigen Unterthemen oder Unterunterthemen, die auf individueller Basis nicht wesentlich sind, ist eine Zusammenfassung auf einer höheren Ebene (Thema oder Unterthema) möglich, wenn diese höhere Ebene als wesentlich eingestuft wird.


Schritt 3: Bestimmen Sie die endgültige Liste der wesentlichen Nachhaltigkeitsthemen


Der nächste Schritt besteht darin, die endgültige Liste der wesentlichen Nachhaltigkeitsthemen auf der Grundlage einer Bewertung der Wesentlichkeit der IROs zu bestimmen. Wenden Sie dazu den Ansatz der doppelten Wesentlichkeit an:

1. Impact Materiality Assessment

  • Gehen Sie die in Schritt 2 definierte Liste durch und wenden Sie geeignete quantitative und/oder qualitative Schwellenwerte an, um die Wesentlichkeit der aktuellen und potenziellen Auswirkungen zu bewerten.

  • Bestimmen Sie für tatsächliche negative Auswirkungen das Ausmaß, den Umfang und den irreparablen Charakter ("Schweregrad"), und schätzen Sie für potenzielle negative Auswirkungen die Eintrittswahrscheinlichkeit ein und ordnen Sie sie dem entsprechenden Zeithorizont zu.

  • Für tatsächliche positive Auswirkungen bestimmen Sie Umfang und Reichweite, für potenzielle positive Auswirkungen schätzen Sie die Eintrittswahrscheinlichkeit.

  • In diesem Schritt ist die Einbindung der Stakeholder besonders wichtig, da diese die Vollständigkeit der endgültigen Liste der wesentlichen Angelegenheiten bewerten, validieren und sicherstellen können

2. Financial Materiality Assessment

  • Gehen Sie die in Schritt 2 definierte Liste durch und wenden Sie geeignete quantitative und/oder qualitative Schwellenwerte an, die auf den erwarteten finanziellen Auswirkungen in Bezug auf die Leistung, die Finanzlage, die Cashflows, den Zugang zu und die Kosten von Kapital basieren.

  • Risiken und Chancen der Nachhaltigkeit werden auf der Grundlage ihrer Eintrittswahrscheinlichkeit und ihrer potenziellen finanziellen Auswirkungen ("Ausmaß") bewertet.

Nach Anwendung der definierten Schwellenwerte fassen Sie die Ergebnisse der Auswirkungs- und finanziellen Wesentlichkeitsanalyse zusammen. Das Ergebnis ist Ihre endgültige Liste der wesentlichen Nachhaltigkeitsthemen mit wesentlichen Auswirkungen, die zu wesentlichen Risiken und Chancen führen.


Schritt 4: Berichten Sie über den Prozess und die Ergebnisse der Wesentlichkeitsanalyse


Nach Abschluss der Wesentlichkeitsanalyse muss Ihr Unternehmen Folgendes offenlegen

  • den Bewertungsprozess, gemäß ESRS 2 IRO-1

  • und sein Ergebnis, gemäß ESRS SMB-3 und ESRS 2 IRO-2

Allgemein gilt: Sobald ein Nachhaltigkeitsthema als wesentlich identifiziert wurde, müssen Sie sich auf die Anforderungen in den jeweiligen thematischen ESRS beziehen, um die Informationen zu ermitteln, die zu diesem Thema offengelegt werden müssen.


4 Tipps für eine erfolgreiche Wesentlichkeitsanalyse nach ESRS


  • Interoperabilität zwischen den ESRS und den GRI-Standards

In einer gemeinsamen Erklärung vom 4. September 2023 haben EFRAG und GRI ein hohes Maß an Interoperabilität zwischen den ESRS und den GRI-Standards bestätigt. Aus diesem Grund erklären die beiden Institutionen auch, dass bestehende GRI-Berichterstatter gut auf die Berichterstattung nach ESRS vorbereitet sein werden. Mit anderen Worten: Wenn Ihr Unternehmen bereits nach den GRI-Standards berichtet, werden Sie in Ihrem GRI-Bericht viele wichtige Informationen finden, die Sie für Ihre Wesentlichkeitsanalyse nutzen können.

  • Management von Wertschöpfungsketten im Rahmen der ESRS

Unternehmen müssen im Rahmen der Wesentlichkeitsanalyse nach ESRS nicht nur ihre eigenen Aktivitäten, sondern auch die ihrer direkten und indirekten Zulieferer berücksichtigen. Um hier für mehr Klarheit zu sorgen, hat die EFRAG auch einen Entwurf für Umsetzungsleitlinien zu Wertschöpfungsketten vorgelegt. Der Leitfaden zu Wertschöpfungsketten beschreibt, wie Wertschöpfungsketten im Rahmen von ESRS und CSRD zu handhaben sind. Sie können das Dokument hier einsehen.

  • Einbeziehung in die strategische Entscheidungsfindung

Wesentlichkeitsanalysen liefern wertvolle Einblicke in die Geschäftsabläufe und die Wertschöpfungskette eines Unternehmens. Um den Nutzen dieser Erkenntnisse zu maximieren, sollten Sie diese in die strategische Entscheidungsfindung einbeziehen und dafür sorgen, dass sie im gesamten Unternehmen geteilt werden.

  • Erwartungen hinsichtlich potenzieller wesentlicher Themen

Es kann für Ihr Unternehmen hilfreich sein, zunächst eine Erwartungshaltung zu den potenziell wesentlichen Themen zu entwickeln. Dies kann als erster Orientierungspunkt dienen und gegebenenfalls helfen, im Vorfeld Prioritäten zu setzen.


Weitere Entwicklungen der ESRS Wesentlichkeitsanalyse


Der aktuelle Stand des "Draft Implementation Guidance on Materiality Assessment" ist eine wertvolle Quelle für lang erwartete Erkenntnisse, aber es gibt Raum für mehr Klarheit.

In der EFRAG-Sitzung am 23. August 2023 schlug das Sustainability Reporting Board (SRB) sowohl inhaltliche als auch verfahrenstechnische Änderungen vor. Daher ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass der aktuelle Leitfaden zur Wesentlichkeitsanalyse nach ESRS keineswegs endgültig ist und noch geändert oder angepasst werden kann.

Weitere Informationen finden Sie im Entwurf der EFRAG-Leitlinien zur Durchführung von Wesentlichkeitsanalysen: Draft Implementation Guidance on Materiality Assessment

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